Sicherung der Lieferströme hat Top-Priorität
Einige Industriezweige, etwa die Öl- oder Pharmabranche, sind aufgrund ihrer Wertschöpfungskette, des leichten Zugangs zu Rohstoffen und der einfachen Austauschbarkeit der Zulieferbetriebe weniger empfänglich für kumulrelevante CBI-Schäden. Andere Branchen wie die Automobil- oder Halbleiterindustrie erweisen sich wegen ihrer Produktionsstrategien bzw. der eingesetzten Fertigungstechnologien als anfälliger. Um Aufschluss über die tatsächliche Verwundbarkeit zu erhalten, hat die Münchener Rück diese Branchen analysiert, wobei der Automobilindustrie ein besonderes Augenmerk galt.
Dort ist die CBI-Exponierung nicht nur am höchsten, sie schwankt auch stark mit dem Grad der Produktionsverflechtung. Im Gespräch mit europäischen Zulieferern und Herstellern ist es der Münchener Rück gelungen, wichtige Erkenntnisse zum Risikomanagement, zu Notfallplänen und zur Fertigung von Schlüsselprodukten zu gewinnen. Dabei zeigte sich, dass die Firmen dem Thema „Sicherung der Lieferströme“ höchste Priorität einräumen.
Fertigungstechnik birgt erhebliche Risiken
Bei der Automobilindustrie stammen wesentliche Komponenten in der Regel von externen Firmen und werden erst bei Bedarf „just in time“ oder „just in sequence“ bereitgestellt – meist mit kurzem zeitlichen Vorlauf. Am Montageort selbst lagert nur gerade so viel Material, dass die Produktion nicht ins Stocken gerät. Aus CBI-Sicht ist diese Fertigungstechnik besonders problematisch. Viele Komponenten unterliegen dem Patent- oder Gebrauchsmusterschutz oder sind so speziell, dass es nicht möglich ist, kurzfristig auf andere Lieferanten auszuweichen. Natürlich ist sich die Automobilindustrie dieser Problematik bewusst und darum bemüht, den Worst Case eines Bandstillstands zu verhindern. Hier spielt nicht nur das finanzielle, sondern vor allem das Reputationsrisiko eine Rolle. Im Notfall treffen daher Taskforces Maßnahmen, um die Produktion aufrechtzuerhalten. So bekamen wir bei unseren Analysen vor Ort öfter zu hören, dass im Ernstfall Hersteller und Zulieferer unbürokratisch an einer Lösung des Problems arbeiten.
Hersteller und Zulieferer denken um
Besonders kritisch sind alle Komponenten, ohne die ein Fahrzeug nicht vom Band laufen kann. Darunter fallen etwa Getriebe- oder Motorteile, Kabelbäume oder bestimmte Computerchips. Andere Bauteile wie Navigationssysteme oder spezielle Scheinwerfer können dagegen nachgerüstet oder beim Händler vor Ort eingebaut werden. Bei den kritischen Komponenten beginnen viele Hersteller umzudenken.
Es zählt nicht mehr nur die günstigste Lösung, sondern sie achten verstärkt darauf, Lieferabhängigkeiten breiter zu streuen. Das veränderte Risikobewusstsein zeigt sich auch daran, dass Hersteller begonnen haben, Prozesse durchgängig auf interne und externe Abhängigkeiten zu analysieren und mögliche Ausfallszenarien zu entwerfen, auf deren Basis die Auswahl der Zulieferer erfolgt. Zudem wird Business-Continuity angesichts der Bedrohungen für den Geschäftsbetrieb immer wichtiger in der strategischen Planung. Auch die Zulieferer betreiben einen erheblichen Aufwand, damit die Lieferkette nicht reißt. Ansatzpunkte bilden neben einem State-of-the-Art-Risikomanagement die Organisation der Produktion, beispielsweise im internationalen Fertigungsverbund, bei dem serienreife Produkte an verschiedenen Standorten hergestellt werden. Wo das nicht möglich ist, minimieren hohe Brandschutzstandards sowie aktive und passive Brandschutzmaßnahmen die Wahrscheinlichkeit, dass die Produktion lange ausfällt.
Ein anderes Konzept funktioniert so, dass die Zulieferer quasi im Werk der Automobilfirma Komponenten für bestimmte Serien herstellen. Hier besteht zwar eine enge Abhängigkeit, aber eben nur für eine bestimmte Baureihe eines Herstellers, sodass keine CBI-Kumule entstehen können. Bei einem Großschaden sitzen Hersteller und Zulieferer zudem im selben Boot, wobei kurze Wege rasche Entscheidungen begünstigen.